Fr 25 Jan 2008
Buch - Die neue Zeit
Geschrieben von Wolfgang unter Biografie
In der kleinen Wohnung hatte ich Ausblick auf ein altes Trümmergrundstück. Da hätte ich gut spielen können. Ich wollte unbedingt
mal raus. Eigentlich ist alles gleich geblieben, nur das Opa nicht auf einem Stuhl saß, sondern Papa auf einem Stuhl saß im grauen Kittel. Wenn er von der Uni kam, rauchte er und hörte englische Platten. Irgendwie fehlte mir die Musik von Opa. Vielleicht weil Papa mir keine Geschichten von der Front erzählte. Papa erzählte Mama immer über Karl, was der bei der Arbeit wieder über das Studentenpack rumschimpfte. Mama schaute dann immer böse zu Papa, genau so lange wie ich immer Oma angeschaut habe, bis dann Papa wegschaute und nichts mehr sagte.
Papa wippte wie Opa zu der Musik und rauchte dann noch mehr. Im Winter war das ganz schön kalt, wenn dann Mama das Fenster aufriss. Es gab keinen Ölofen wie bei Opa. Raus kam ich selten. Bis ich in die Schule kam. Nur in den Garten mit dem Nachbarjungen, der so einen strengen Vater hatte. Denen gehörte der Garten hinterm Haus. Das musste der Feldwebel sein, wo von Opa immer erzählte. Zumindest schrie der oft. Auf einer kleinen Parzelle mit Teppichklopfstangen und einem Weg aus Waschbetonplatten durften wir nicht auf den Rasen spielen, nur auf den Platten laufen, aber leise, weil der Feldwebel schlief. Fussballspielen schon gar nicht. Obwohl der Junge echt einen tollen Ball hatte. Den hielt er immer fest. Bis mein Papa wieder von der Arbeit wieder da war.
Der Nachbarjunge zuckte immer zusammen wenn sein Vater ihn rief. “Ich muss rein!”, sagte er dann ganz schnell. Dann musste ich mit, durch den Waschkeller nach oben. Denn alleine durfte ich nicht in dem Garten bleiben. Der Feldwebel hatte keine Frau mehr. Wahrscheinlich hat der die erschossen. Wenn ich dann hoch kam, konnte ich im Hausflur immer hören wie es was auf den Arsch gab für den Jungen, aber ohne Marschmusik.
Zuhause war immer englische Musik, vor allem aus einem alten Tonbandgerät. Das war Englisch! Alles, was Opa nicht hörte. Jeden Abend waren lustige Leute zu Besuch. Sie lachten und redeten durcheinander. Und ich dazwischen, machte sie immer nach. Wie ich die marschierenden Soldaten nachgemacht habe für Opa. Aber der Besuch lachte viel mehr, als Opa. Irgendwie waren die alle so lustig, daran musste ich mich erst gewöhnen. Jetzt merkte ich endlich, dass meine Zeit gekommen war.
Meine Mutter erzählte sehr oft von Italien. Italien musste dort sein, wo man erst die Rotweinflaschen austrinkt, um dann eine Kerze rein zu stecken, damit man Licht hat. An den Rotwein konnte ich aber erst wenn ich alleine war, ich war ja erst knapp über 4 Jahre alt. Die Streichhölzer haben die versteckt aber nicht die Flaschen. Und die Restflaschen, wo noch was drin war, sowieso nicht. Das schmeckte sehr gut! So süß und dann wurde es warm. Ich wusste nicht wie viel man davon trinken durfte. Im Prinzip weiß man das ja nie! Ich wollte Papa auf den Rücken hauen wie es die anderen immer gemacht haben. Aber die haben nichts gemerkt, weil die noch mehr Wein getrunken haben als ich.
Also torkelte ich ins Schlafzimmer, wo Mama und ein Mann lagen. Eigentlich lagen später nachts immer die Leute, die zu Besuch kamen irgendwo rum. Hier im Schlafzimmer war es zwar leiser, aber dunkel und ich saß vor dem Bett auf einem Stuhl und der Stuhl drehte sich! Mama ging es von dem Wein auch nicht so gut wie mir, aber ich stöhnte nicht so laut wie Mama und hinterher auch der Mann. Deswegen habe ich sie in Ruhe gelassen. Still zu sein und klein und zu beobachten ist viel interessanter, man entdeckt da viel mehr. Wenn es einem schlecht geht, dachte ich, darf man nicht aufstehen, sonst fällt man und ich pinkelte vor mir in die Schuhe von dem Mann.
Oma hatte recht, dass ich zu früh auf der Welt war. Jetzt ein paar Jahre später war alles anders, ich gehörte dazu. Ich brauchte auch den Nachbarjungen nicht, der immer langweiliger wurde. Der hielt immer nur seinen blöden Ball. Die Großen, die abends zu Besuch waren, waren viel lustiger als der Feldwebel und der Nachbarjunge. Bloß den Wein haben die immer weggestellt. Dabei hat es erst damit besonders viel Spaß gemacht. Die wussten nicht, dass ich auch schon Weinkarussel fahren konnte.
Ich war nicht im Kindergarten. Oma schaute dafür immer rein. Oma wollte mich immer drücken, aber die stank wie der Waschkeller und noch etwas anderes, besonders aus dem Mund. Die kam bestimmt zu mir, weil Opa sich auch nicht drücken ließ. Leider kam sie jeden morgen und ich konnte nicht ausschlafen oder an meinem Zipfel spielen. Zu spät hatte ich gemerkt, dass es die beste Zeit war, auch wenn Oma so roch. Hinterher habe ich mir die Nase zugehalten und nur durch den Mund geatmet. Lustig war, wenn sie ihr Gebiss rausholte und Unsinn damit machte. Ich habe damit gerne Kasperpuppe gespielt und die stinkenden Zähne bewegt und was
gesagt, wie “Kiesinger ist ein Faschist”, wie der Mann, der bei Mama im Bett lag, immer sagte, “Kiesinger ist ein Faschist”.
In der Zeit hatte ich alle Freiheiten. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte und ich konnte nachdenken. Über die neue Zeit. Ich schaute aus dem Fenster und sah, wie neue Häuser gebaut wurden, die anders aussahen. Auch sahen die jungen Frauen anders aus als Oma. Die jungen sahen bunt aus. In jede hätte ich mich verlieben können, aber ich hatte ja schon eine, meine Mutter. Mir gefielen am besten die gelben Minikleider. Dabei konnte ich am besten an meinem Pipimann spielen. Leider hatte meine Mutter nicht so ein Kleid. Wenn ich dann aus dem Fenster nach diesen Frauen schaute, beruhigte mich das irgendwie und ich konnte am besten nachdenken, über die Zukunft. Aus dem Fenster schauen, Frauen ansehen, wie Mama und am Zipfel spielen.
Auch Weintrinken am Morgen, das durfte ich nicht. Dabei waren überall Reste in den Flaschen. Das Weintrinken gelang mir nur einmal. Ich schaute auf die Baustelle gegenüber, wo eine Hochhaus gebaut wurde. Jetzt waren die schon so hoch wie mein Fenster und ich konnte den Arbeitern zuwinken, während ich aus einer fast vollen Weinflasche trank und an meinem Pipimann spielte. Dann haben alle zurück gewunken, auch auf der Straße. Das war lustig. Dann fuhr ich wieder Karussel. Und ich wusste, was Papa mit Fortschritt meinte. Dann musste ich immer an seinen Schraubenzieher denken, den er jetzt vor mir versteckt hatte. Jetzt einen Schraubenzieher haben! Dann wäre das Glück perfekt gewesen, dazu noch eine Frau wie Mama, aber dann im gelben Minikleid.
An dem Morgen ging ich betrunken zu dem Jungen nach unten, ich war ganz mutig an dem Tag, weil mir die Bauarbeiter gegenüber zugewunken haben, das war ein Zeichen, als wenn ich heute auch groß wäre. Also nahm ich Wein und Streichhölzer mit nach unten, um mit dem Jungen unten zu feiern. Wenn der schon nicht Ball spielen konnte, dann wenigstens Feiern. Der Feldwebel war ja in der Kaserne. Ich war ganz leicht und ich konnte mich am Treppengeländer festhalten, damit sich nicht alles so drehte. Das war
der Preis für das Großsein. Oma war beleidigt in der Küche zurückgeblieben. Peter, so hieß der Nachbarjunge, stand da wieder mit
dem Ball im Garten, den Ball umklammernd. Ich sagte, er bekäme die halbe Flasche Wein und die Streichhölzer, wenn ich mit dem Ball spielen dürfte. Es musste schnell gehen, weil ich sehr nötig musste, nach dem vielen Wein und das Karussell immer schneller wurde. So hatte ich das erste mal einen Ball in der Hand.
Ich ließ den Ball erst kullern und dann schoss ich drauf los. Der Ball gegen die Mülltonne, der Ball gegen die Wäsche vom Feldwebel, der Ball aufs Trümmergrundstück hinterm großen Zaun, wo keiner drauf durfte. Ich habe geschossen wie Gerd Müller, 4 Jahre später in Mexico, bei der WM. Ich rannte ganz stolz zu dem Jungen, der jetzt im Keller saß und die Streichhölzer ausprobierte. Es roch nicht mehr nach Oma dort. Nein irgendwie waren das jetzt die Streichhölzer. Die Flasche hatte er schon leer. Jetzt machte Peter ein Feuer, wie die Indianer, sagte er. Leider brannten die Kohlen nicht und wir nahmen die Putzlumpen, die auch schnell loderten. Mir wurde das zu unheimlich, weil ich wusste, wieviel Ärger das bei mir zuhause gäbe und ich mir vorstellte, der Feldwebel käme. Ich hörte nur sein Brüllen im Hausflur und ich rannte die Treppe hoch und es lief mir warm an meinen Beinen entlang. Ich lauschte im Treppenhaus aus sicherer Entfernung und hörte wie Peter eine “Wucht” bekam, so hieß das.
Erst dachte ich, der Feldwebel hat ihn erschossen. Aber ich habe keinen Schuss gehört. An dem Tag passierte so viel. Die Physiker sagen ja auch, Zeit sei relativ. Ich hörte nur ein Türknallen von meiner Mutter. Ich dachte erst, weil ich den Ball weg geschossen habe oder weil wir vor dem Feldwebel flüchten mussten. Dann zogen wir aber ohne Papa in eine Kommune, wo der Mann wohnte, der mit Mama geschrien hat. Das gehörte wohl zur neuen Zeit. Dort veränderte sich mein Leben vollkommen.
Trotzdem zogen wir wieder in ein altes Haus, was man längst hätte abreißen sollen. Außerdem rochen einige wie Oma, obwohl die viel jünger waren. Aber dort gab es keine Verbote mehr und keine Feldwebel! Da erlernte ich meine Lebensphilosophie des chinesischen Daodejing (Wu wei — Tun ohne zu tun). Aber dazu später: Das WOLFGANG-PRINZIP - 5 Wege zum GLÜCK. Wolfgangs Zeit war wirklich gekommen. So schien es.

