Ich bin Mediziner. Dies ist die Krankenakte von Wolfgang. Ich bin der behandelnde Arzt von Wolfgang B.. Mein Anliegen als Mediziner ist es, Aufklärung zu betreiben und zu heilen. Ich heile durch Aufklärung. Der Fall Wolfgang ist das Sinnbild der medizinischen Aufklärung. Wir fragen uns an Wolfgang, warum ist er so. Sind es versteckte Botschaften, oder einfach seine Unterbelichtung? Ist es die Aufklärung, die aus seinem nackten Geist emporsteigt oder nur purer Wahnsinn, den ich verzweifelt versuche über Pharmaversuche zu heilen. Er schluckt Pillen. Für Geld, versteht sich und bei bester medizinischer Versorgung, wie es nur Privatpatienten zu Teil wird. Weil es die Krankenkasse so will und die Regelung der Fallpauschale nicht greift,würde Wolfgang sonst keine Hilfe zu Teil werden.

Verwerflich? Wer fragt das? Die depressive Dame, die trotz gesunder Ernährung aus dem Bioladen, Fitnesstudio und Geländewagen unglücklich ist? Für diese Frauen testen hunderte mutige Menschen wie der Wolfgang neue Medikamente, die das Glück versprechen!

Wirken diese zukünftigen Designer-Medikamente denn bei Wolfgang? Was passiert? - Nichts. Er reagiert nicht! Das bereitet mir Sorgen. Uns allen bereitet es Sorgen, auch dem Konzern, der da bitte nicht rein gezogen werden möchte.

Ist Wolfgang schon glücklich mit seinem Leben? Ist das der Grund, warum die Pillen nicht wirken? Will Wolfgang denn nicht auch Biokost, eine Familie, Karriere, Geländeautos und Ansehen? Ist Wolfgang die falsche Laborratte? Ist der Wolfgang B. etwa eine genetische und evolutionäre Weggabelung, die aus der Globalisierung mutiert ist? Menschen wie Wolfang lassen sich ja nicht einfach ausrotten, sie passen sich an die neue Welt des Kapitalismus an. Haben wir deswegen Wolfgang verkannt? Dachten wir daran, dass er zugrunde geht wie viele in Plattbausiedlungen zuvor, die ihre Brut von selber im Alkoholwahn beseitigen? Entschuldigen Sie, wenn ihn das zu weit geht, aber sie sind kein Mediziner. Was schnüffeln sie auch in Wolfgangs Krankenakte herum? IM Gegensatz zur Gesellschaft scheuen wir Mediziner weder Eiter, Inkontinenz, Wahnsinn und Gewalt. So ist der Mensch.

Wolfgang schreibt sein Tagebuch. Das ist gut so. Wir wollen doch auch lesen, was er so erlebt. Sie etwa nicht? Es sind nicht nur Metaphern, die Wolfgang verbreitet, sondern manchmal frage ich mich ob seine “Literatur” eine große Metapher ist. Nackte Kunst, so wie es vielleicht Wolfgang Bochert immer von Literatur forderte:

„Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die (…), die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und JA sagen und NEIN sagen. Laut und deutlich und ohne Konjunktiv.“

Vielleicht ist das ja eine Andeutung auf die Zukunft. Wir brauchen Kultur statt Kapitalismus, Wahnsinn, Gewalt und Umweltzerstörung um wieder zum Menschen zu werden. Vielleicht ist Wolfgangs Tagebuch eine versteckte Andeutung auf den Wolfgang, den wir jetzt vor uns haben und den Wolfgang Bochert damals schon voraus gesehen hat. Der Wolfgang, der noch kommen wird und jetzt vielleicht vor uns in der Küche sitzt und philosophiert.

Schauen wir uns Wolfgangs Geschichten an, trifft das eindeutig zu, er philosophiert, egal mit wieviel Promille. Welcher Literat tat das nicht. In bestimmten Zeiten gehörte das zur guten Literatur dazu. Aber sein soziales Auftreten, sein Fussballverein (St. Pauli) und sein Status sprechen eher dagegen. Oder?

Informiert Wolfgang Bochert über den zukünftigen Wolfgang B., den ich jetzt möglicherweise zu Unrecht behandle? Als aufgeklärter Mediziner muss ich jede Hypothese in Erwägung ziehen!

Wäre dies war, hieße es, man müsste Wolfgang wirklich zuhören. Will er uns zur Umkehr anstiften? Etwas zur Umkehr vor der Zerstörung der Umwelt? Ja, der Wolfgang sortiert keinen Müll, kennt nichts vom Dosenpfand, aber heisst das nicht auch, wir sollten uns um die großen Dinge kümmern und nicht um den “Kleinscheiß”, wie Wolfgang immer sagt.

Ich zweifel an meiner Tat mit Wolfgang, Pharmaversuche zu machen. Aber meine Praxis läuft auch nicht mehr so gut. Wolfgang selbst glaubt an die Zukunft, an die Wissenschaft und an seine Versuche. Drum informiert Wolfgang darüber, dass er ein Künstler ist und sein Grundgehalt auch so verdient hat. Das meine ich auch im Imperativ, an die Leser gerichtet, die diese Krankenakte von Wolfgang entsetzt lesen sollten. Er sollte der erste Mensch sein mit einem Grundgehalt in Deutschland nach dem Schweizer Modell. Dieses Grundgehalt wird zwar erst im Jahre 2015 vom Kanzler Lafontaine bundesweit verabschiedet werden, aber als Modellversuch lohnt sich Wolfgang ungemein.

Hinweis. Hier ist der Expressionist Wolfgang Bochert gemeint, nach dem gleichnamigen Wolfgang Borchert Theater in Münster. Aber der wird nicht so oft gesucht ;-)

Jetzt Wolfgangs Videos ansehen!

123 - Bookmark