Archiveinträge für 3. Februar 2008

Sonntag, 3. Februar 2008

Doch kein Post Mindestlohn

War doch letztens der Briefträger von der bunten Post bei mir. Diesmal von der Roten. Da fragte ich mal so: “Und hast Du schon Mindestlohn?”

Erst dachte ich, die hätten dem etwas ins Futter getan. Ich konnte gerade noch die Tür zu machen und dachte so lange kann die Tür auch nicht halten. Wie im Film Hostel. Irgend wie war das auch wie im Zoo, wenn ich die Gorillas ärgere an der Scheibe und die dann irgendwann nach 15 Minuten mit voller Wucht an die Scheibe klatschen. Das freut mich immer, 1:0 für Wolfgang, dann fühlt man sich rein von der Evolutionsstufe eine Liga weiter!

Aber meine Tür ist nicht die Panzerscheibe im Affenkäfig. Also dachte ich mir beruhigst Du den mal und entschuldigst dich. Also machte ich die Tür auf und sah niemanden im ersten Augenblick. Doch der Postebote lag unten. Und das war kein Versuch die Tür aufzubrechen, sondern es war pure dramatische Verzweiflung und Wimmern, er wollte so eine Art therapeutisches Gespräch von mir. Wenn ich Tränen sehe, werde ich immer weich. Was haben die dem angetan, dachte ich mir so. Na gut, da hilft nur das Wolfgang-Prinzip: Geben und nehmen, morgen ist auch noch ein Tag usw., also half ich ihm aus dem Tiefpunkt seines Lebens.

“Der Mindestlohn”, sagte er, zog sich die erste Pulle in meiner warmen Küche weg wie nach einem Ironman-Marathonlauf um die Elektrolyte nachzufüllen, “boah”, dachte ich noch so. “Die zahlen den Mindestlohn nicht, die Arschlöcher”, setzte er fort und wischte sich den Bierschaum vom Mund. “Das können die doch nicht machen”, sagte ich. “Wohl!” konterte der rote Postbote und zog sich noch eine Pulle weg. Er roch auch so wie die Marathonläufer, armes Schwein dachte ich nur. “Die zahlen nicht den Mindestlohn wegen Formfehlern im Gesetz und die Politiker interessiert das nicht, weil alle denken das Problem ist in den Medien vom Tisch”, kam jetzt etwas ruhiger aus ihm und ich dachte der wohlte mich umbringen, der hatte nur Durst!

Ich machte ihm die mittlerweile die 3. Pulle auf, weil das Leben ist Geben und Nehmen, scheiß doch auf Weihnachten, ich bin das ganze Jahr gut zu den Menschen! Aber was dann kam, war erschütternd. “Ich habe Urlaub gebucht und ich muss mein Tatoo bezahlen!” lallte er. Das Lallen kam wohl von der gefährlichen Unterzuckerung bei gleichzeitigem Bierkonsum.

“Man, sagte ich ihm, Du musst die Metapher dahinter erkennen, man will uns fertig machen!“, erklärte ich ihm. “Mich wollten die Tanten vom Arbeitsamt auch am Donnerstag fertig machen, ich stand schon an der Pforte, wo ich dann “Helau” und so scheiß hörte und mir der Pförtner Barfuss, nur in Unterhose und abgeschnittener Kravatte entgegen kam und um Rettung flehte. Da wusste ich, Wolfgang, schnell weg, die wollen dir nur an den kleinen Stürmer Wolfgang da unten! Und ich bin schnell nach Hause, das konnte doch nur ein Trick von der Anke vom Amt gewesen sein. Wer bestellt einen Arbeitslosen zu “Altweiber fast nackt” ins Arbeitsamt? Das frage ich euch? Das schlimme ist, jetzt habe ich auch noch eine Abmahnung und mir kürzen die das Geld, weil ich mich von den Altweibern im Arbeitsamt nicht an die Wäsche fassen lassen wollte!” So ist der Staat. Stasi 2.0!

Da musste auch der rote Postbote wieder lachen. Wir haben uns noch ein paar Bier genommen. Er begriff jetzt auch die Metapher dahinter, man will uns fertig machen! Ob mit, kein Mindestlohn bezahlen oder sexuellem Missbrauch zu Altweiberfastnacht in der Agentur für Arbeit von arbeitslosen und aufrichtigen Männern, überall wollen dich fertig machen. Jetzt verstehe ich meine Mutter, warum die den Staat in den 68er und 70er so gehasst hat!

Ich habe dem Postboten noch versucht aufs Fahrrad zu steigen. Das ging nicht mehr. Entweder war ich zu doof oder er zu besoffen. Aber er bestand darauf, dass ich mal sein Fahrrad mal mit voll beladener Tasche einmal um den Häuserblock fahren soll. “320 Briefe und mehr! Jeden Tag, Werbungsscheiße, die jeder wegwirft, Hunde, die dir in den halbverfrorenen Hintern beißen, nach Scheiße stinkende Hausflure und menschliche Abgründe für nur 750 Euro im Monat und DU KANNST BIERTRINKEN schon am Vormittag, das finde ich geil, Wolfgang, ich will auch so sein wie du!” , worauf er mich küsste und umarmte. “Jetzt fahr du mal mit dem schweren Ding. Hol mal neues Bier, wir saufen uns jetzt einen!”, schrie er vor der Haustür. “Ich fahre doch kein Fahrrad, lieber mit Mofa, aber das ist im Arsch”, versuchte ich mich rauszureden und ahnte schlimmes, was der Grund ist warum ich lieber alleine saufe, das gibt weniger Ärger.

So fing das an. Ich bin mit dieser scheiß Karre von Potfahrrad noch nie gefahren. Diese schweren Taschen vorne, da eierst du rum, unglaublich. “Haben Sie was für mich?”, schrie mich so eine alte Oma an” und stand mitten im Weg auf dem Bürgersteig. Die dachte ich wäre der Postbote, nur ich wars nicht und ich wusste auch nicht, dass die Bremse im Arsch war und Rücktritt, wer denkt denn schon an Rücktritt nach 4 Bier???!!!!

Diese Scheißkarre hielt also voll auf die Oma. Zum Glück hatte die einen Gehgestell vor sich, genial, diese Seniorenfreihzeitroller. Das Ding hat ihr Leben gerettet, so wie die Chromstoßfänger an diesen bescheuterten Geländewagen. Also, ich auf die Oma zu, und es blieb mir nur noch, kontrolliert abzubremsen. Links die Wand, rechts roch ich noch so den nagelneuen Lack und dieser frische Geruch von neuen teuren Autos. Wieder dieser schwarze Porschegeländewagen! Wieder diese Ökotante beim Einparken. Also hielt ich mit dem Gepäckträger und den Posttaschen auf diesen nagelneuen Geländewagen um die Oma nicht frontal zu nehmen. Hätte ja auch meine Oma sein können oder ich in 40 Jahren. Gottseidank sah mich die Olle im Geländewage nicht, auch nicht die Riesenmacke in der linken Beifahrertür, die so groß war wie Garagentor. Klar aus der Innenkabine von so einem Geländewagen sieht man so wenig von seiner Umwelt wie von einem Leopardpanzer. “Huch, haben sie sich verletzt?”, fragte die Oma scheinheilig. 320 Briefe auf dem Bürgersteig. Die Tusse aus dem Geländewagen hat wieder nichts gesehen und gehört. Diesmal zum Glück. Ich hätte aber auch ausbluten können, das wäre der scheißegal.

Aus einer Post-Tasche, die jetzt am Boden lag, floß jetzt Bier raus, und Schaum, garnichts mehr war zu retten! Der Tag war gelaufen. Für den Postboten und Wolfgang.

Da gibts nur eins, warten auf morgen, denn morgen ist auch noch ein Tag!


Keine Kommentare » - Geschrieben in Tagebuch von Wolfgang

Sonntag, 3. Februar 2008

informiert Wolfgang Bochert über den Fall Wolfgang B. !?

Ich bin Mediziner. Dies ist die Krankenakte von Wolfgang. Ich bin der behandelnde Arzt von Wolfgang B.. Mein Anliegen als Mediziner ist es, Aufklärung zu betreiben und zu heilen. Ich heile durch Aufklärung. Der Fall Wolfgang ist das Sinnbild der medizinischen Aufklärung. Wir fragen uns an Wolfgang, warum ist er so. Sind es versteckte Botschaften, oder einfach seine Unterbelichtung? Ist es die Aufklärung, die aus seinem nackten Geist emporsteigt oder nur purer Wahnsinn, den ich verzweifelt versuche über Pharmaversuche zu heilen. Er schluckt Pillen. Für Geld, versteht sich und bei bester medizinischer Versorgung, wie es nur Privatpatienten zu Teil wird. Weil es die Krankenkasse so will und die Regelung der Fallpauschale nicht greift,würde Wolfgang sonst keine Hilfe zu Teil werden.

Verwerflich? Wer fragt das? Die depressive Dame, die trotz gesunder Ernährung aus dem Bioladen, Fitnesstudio und Geländewagen unglücklich ist? Für diese Frauen testen hunderte mutige Menschen wie der Wolfgang neue Medikamente, die das Glück versprechen!

Wirken diese zukünftigen Designer-Medikamente denn bei Wolfgang? Was passiert? - Nichts. Er reagiert nicht! Das bereitet mir Sorgen. Uns allen bereitet es Sorgen, auch dem Konzern, der da bitte nicht rein gezogen werden möchte.

Ist Wolfgang schon glücklich mit seinem Leben? Ist das der Grund, warum die Pillen nicht wirken? Will Wolfgang denn nicht auch Biokost, eine Familie, Karriere, Geländeautos und Ansehen? Ist Wolfgang die falsche Laborratte? Ist der Wolfgang B. etwa eine genetische und evolutionäre Weggabelung, die aus der Globalisierung mutiert ist? Menschen wie Wolfang lassen sich ja nicht einfach ausrotten, sie passen sich an die neue Welt des Kapitalismus an. Haben wir deswegen Wolfgang verkannt? Dachten wir daran, dass er zugrunde geht wie viele in Plattbausiedlungen zuvor, die ihre Brut von selber im Alkoholwahn beseitigen? Entschuldigen Sie, wenn ihn das zu weit geht, aber sie sind kein Mediziner. Was schnüffeln sie auch in Wolfgangs Krankenakte herum? IM Gegensatz zur Gesellschaft scheuen wir Mediziner weder Eiter, Inkontinenz, Wahnsinn und Gewalt. So ist der Mensch.

Wolfgang schreibt sein Tagebuch. Das ist gut so. Wir wollen doch auch lesen, was er so erlebt. Sie etwa nicht? Es sind nicht nur Metaphern, die Wolfgang verbreitet, sondern manchmal frage ich mich ob seine “Literatur” eine große Metapher ist. Nackte Kunst, so wie es vielleicht Wolfgang Bochert immer von Literatur forderte:

„Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die (…), die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und JA sagen und NEIN sagen. Laut und deutlich und ohne Konjunktiv.“

Vielleicht ist das ja eine Andeutung auf die Zukunft. Wir brauchen Kultur statt Kapitalismus, Wahnsinn, Gewalt und Umweltzerstörung um wieder zum Menschen zu werden. Vielleicht ist Wolfgangs Tagebuch eine versteckte Andeutung auf den Wolfgang, den wir jetzt vor uns haben und den Wolfgang Bochert damals schon voraus gesehen hat. Der Wolfgang, der noch kommen wird und jetzt vielleicht vor uns in der Küche sitzt und philosophiert.

Schauen wir uns Wolfgangs Geschichten an, trifft das eindeutig zu, er philosophiert, egal mit wieviel Promille. Welcher Literat tat das nicht. In bestimmten Zeiten gehörte das zur guten Literatur dazu. Aber sein soziales Auftreten, sein Fussballverein (St. Pauli) und sein Status sprechen eher dagegen. Oder?

Informiert Wolfgang Bochert über den zukünftigen Wolfgang B., den ich jetzt möglicherweise zu Unrecht behandle? Als aufgeklärter Mediziner muss ich jede Hypothese in Erwägung ziehen!

Wäre dies war, hieße es, man müsste Wolfgang wirklich zuhören. Will er uns zur Umkehr anstiften? Etwas zur Umkehr vor der Zerstörung der Umwelt? Ja, der Wolfgang sortiert keinen Müll, kennt nichts vom Dosenpfand, aber heisst das nicht auch, wir sollten uns um die großen Dinge kümmern und nicht um den “Kleinscheiß”, wie Wolfgang immer sagt.

Ich zweifel an meiner Tat mit Wolfgang, Pharmaversuche zu machen. Aber meine Praxis läuft auch nicht mehr so gut. Wolfgang selbst glaubt an die Zukunft, an die Wissenschaft und an seine Versuche. Drum informiert Wolfgang darüber, dass er ein Künstler ist und sein Grundgehalt auch so verdient hat. Das meine ich auch im Imperativ, an die Leser gerichtet, die diese Krankenakte von Wolfgang entsetzt lesen sollten. Er sollte der erste Mensch sein mit einem Grundgehalt in Deutschland nach dem Schweizer Modell. Dieses Grundgehalt wird zwar erst im Jahre 2015 vom Kanzler Lafontaine bundesweit verabschiedet werden, aber als Modellversuch lohnt sich Wolfgang ungemein.

Hinweis. Hier ist der Expressionist Wolfgang Bochert gemeint, nach dem gleichnamigen Wolfgang Borchert Theater in Münster. Aber der wird nicht so oft gesucht ;-)


Keine Kommentare » - Geschrieben in Krankenakte von Wolfgang