Archiveinträge für 23. April 2008
Mittwoch, 23. April 2008
Fette Weiber
Jeder hat Schwächen! Der eine isst zu viel, der andere trinkt zu viel und wiederum andere lieben sexuell Ausschweifungen. Fetische nennt man das auch. Aber ich habe mich nie in in Sexshops getraut, weil meine Mutter die mir ausgeredet. Nein, Nein, ich bin alles andere als verklemmt aufgewachsen. Aber ich war als Kind in einer 68er Kommune. Und in den 70er Jahren war meine Mutter mehr so eine Frau, die sich jeden Mann oder Frau holte und hatte etwas hasserfülltes gegen das spießige Sexleben. “Dein Vater, der geht da hin, wenn er von seiner Arbeit kommt. Grauen Arbeitkittel aus und vorher nochmal einen Blick über die Schulter, damit man nicht erkannt wird und dann ab in den Sexshop“.
Meine Mutter versuchte stattdessen, dass ich meine Sexualität frei lebte. Aber ich wollte so sein wie die anderen Jungs, die in normalen Familien aufwuchsen und starke Sprüche machten aus Verlegenheit jemand könne ihre Unerfahrenheit erkennen. Deswegen habe ich mich geschämt meiner herkunft geschämt, aus einer SEX-Wohngemeinschaft her zu kommen. Ich steckte in der Klemme zwischen dem emanzipierten Frauenbild meiner Mutter und den sexistischen Anzüglichkeiten und Sexkalauer meiner Freunde, die aus Arbeiterfamilien kamen.
Irgendwann habe ich mich nicht mehr getraut in den Sexshop zu gehen, weil ich dachte, jetzt bin ich zu alt dafür und man würde merken, dass ich das erste Mal drin bin. Ich hatte ja keine Vorstellung wie das da drin aussah, bis heute. Nachher schmeiße ich da was um oder muss bezahlen fürs Anfassen. Was fasst man eigentlich an im Sexshop an?
Ich habe mit der Zeit eine Vorliebe entwickelt, auch ohne Sexshop. Eine Vorliebe zu der meine Mutter nie abschätzig geredet hatte. Dann konnte das nur in Ordnung sein. Als ich damals mit meiner Oma einkaufen war, gingen wir eines Tages zum Metzger. Dort hingen an der Wand rote Fleischklumpen mit Rippen und so. Es roch nach Geräuchertem und so frisch nach Fleisch. Es war auch kühler und im Vergleich zur schwülen Luft draußen und ich genoss den Aufenthalt so sehr. Auch fiel mir eine Frau so um die 45 auf, die ganz freundlich zu mir rüberlächelt. Wie alt ich denn sei? “Sechs!” antwortete ich. “Ah dann kommst du jetzt bald in die Schule, ja dann bist Du ja schon groß, aber ich gebe dir trotzdem ein Stück Kinderwurst.”
So hat mich meine Mutter nie gefüttert. Die Wurst schmeckte mir, ihr Lächeln war so klar und ihre Stimme so laut, anders als meine meine bekiffte Mutter und ihre Freunde. Sie war so fürsorglich. Mit Ihrer weißen Schürze sah sie aus, wie eine Krankenschwester, nur das sie nach Wurst roch. Zumindest kam mir die Lust entgegen. Von Kopf bis Fuss nach Wurst, dachte ich. Die hat bestimmt nicht so Käsefüsse wie meine Oma. Die riechen bestimmt auch nach Wurst!
“Na, schmeckst, kleiner Mann?” Jetzt zuckte ich zusammen, ihr Blick war so klar und lieb, dass ich am liebsten in die Arme gefallen wäre zum Ausheulen. So eine gute Frau, die Kinder riechen bestimmt auch nach Wurst. Meine Oma war ja meine Oma und sie war ja auch lieb, aber sie hatte Käsefüße, die rochen ganz besonders, wenn sie beim Fernsehen die Füße hochlegte. Seither mag ich keinen Käse, nur Wurst.
“Oma, wann gehen wir wieder zu der Wurstthekenfrau?” fragte ich. “Aber wir sind doch gerade erst raus, zu Metzger geht man nur einmal die Woche, ich habe uns Gehirn und Schweinefüße geholt, das magst du doch so!”
Ja mochte ich sehr, bis ich zum BSE Skandal gemerkt habe, dass mich meine Oma mit Rinderhirn fütterte oder war das Schweinehirn? Sie meinte es ja nur gut. Hättesie es gut gemeint, wäre sie mit mir täglich zu der Frau mit der weißen Plastikschürze.
So jetzt ist es raus. Ich habe eine Vorlieber für Fleischfachverkäuferinnen. Und das schlimme ist, ich habe nicht so viel Geld beim Metzger einzukaufen, also ist der Gang zum Metzger für mich so schwer wie in den Sexshop zu gehen. Manchmal esse ich 3 Wochen kein Fleisch und spare auch beim Bier und ich bin schon ganz aufgeregt, wenn ich statt zum Aldi richtig zum Metzger gehe. Ich habe schon Herzklopfen, muss mir etwas Mut antrinken. Drehe mich ständig um ob jemand zusieht wie ich zum Metzger gehe. Und dann drehe ich mich im letzten Moment um. Mein dämlicher Halbbruder, der Klaus ist ja auch Metzger, das macht es viel schlimmer, weil den jeder in der Stadt kennt. Das macht es besonders schwer, weil ich denke, die beim Metzger würden denken, dass ich die ausspioniere oder so. Es gibt viele Gründe…
Nein, ich erzähle es euch, ist ja auch egal, weils natürlich ist, ich habe eine Latte. Ich stehe vor dem Metzger und schaue mich um, in der Hoffnung keiner erkennt mich. Das ist ein Grund warum ich oft alleine bin, weil man mich verlabert hat, weil ich auch Metzgerweiber stehe, so wie die das im Fussballverein immer gesagt haben. Ich stehe auch Fleischfachverkäuferinnen, das ist was ganz anderes! Habe ich immer gekontert noch in der Umkleidekabine vorm Spiel, wenn meine Mannschaftskollegen mich vorm Spiel aufziehen wollte und die hat immer gegrölt, auch noch wenn die auf dem Platz standen. Die konnten gar kein richtiges Zuspiel weil der eine oder andere vor Lachen zusammen brach. Dann war ich es Leid. Diese sexuelle Offenheit, wie meine Mutter mir in der Kommune immer eingeredet hat, ist in Fussballmanschaften Tabus! Oder eine Lachnummer. Dann fingen die an mir Wurst und so eine Zeug in die Tasche zu packen oder in die Fussballschuhe um mich damit aufzuziehen. Das war übrigens der Grund warum ich meinen Trainerschein gemacht habe, damit die mich nicht mehr verulken. Aber getuschelt haben die immer noch. Deshalb habe ich lieber Geschichten dazu geschrieben und die Schnauze gehalten Aber Geschichten sollte man für sich behalten, wenn man kein Künstler ist.

