War doch letztens der Briefträger von der bunten Post bei mir. Diesmal von der Roten. Da fragte ich mal so: “Und hast Du schon Mindestlohn?”
Erst dachte ich, die hätten dem etwas ins Futter getan. Ich konnte gerade noch die Tür zu machen und dachte so lange kann die Tür auch nicht halten. Wie im Film Hostel. Irgend wie war das auch wie im Zoo, wenn ich die Gorillas ärgere an der Scheibe und die dann irgendwann nach 15 Minuten mit voller Wucht an die Scheibe klatschen. Das freut mich immer, 1:0 für Wolfgang, dann fühlt man sich rein von der Evolutionsstufe eine Liga weiter!
Aber meine Tür ist nicht die Panzerscheibe im Affenkäfig. Also dachte ich mir beruhigst Du den mal und entschuldigst dich. Also machte ich die Tür auf und sah niemanden im ersten Augenblick. Doch der Postebote lag unten. Und das war kein Versuch die Tür aufzubrechen, sondern es war pure dramatische Verzweiflung und Wimmern, er wollte so eine Art therapeutisches Gespräch von mir. Wenn ich Tränen sehe, werde ich immer weich. Was haben die dem angetan, dachte ich mir so. Na gut, da hilft nur das Wolfgang-Prinzip: Geben und nehmen, morgen ist auch noch ein Tag usw., also half ich ihm aus dem Tiefpunkt seines Lebens.
“Der Mindestlohn”, sagte er, zog sich die erste Pulle in meiner warmen Küche weg wie nach einem Ironman-Marathonlauf um die Elektrolyte nachzufüllen, “boah”, dachte ich noch so. “Die zahlen den Mindestlohn nicht, die Arschlöcher”, setzte er fort und wischte sich den Bierschaum vom Mund. “Das können die doch nicht machen”, sagte ich. “Wohl!” konterte der rote Postbote und zog sich noch eine Pulle weg. Er roch auch so wie die Marathonläufer, armes Schwein dachte ich nur. “Die zahlen nicht den Mindestlohn wegen Formfehlern im Gesetz und die Politiker interessiert das nicht, weil alle denken das Problem ist in den Medien vom Tisch”, kam jetzt etwas ruhiger aus ihm und ich dachte der wohlte mich umbringen, der hatte nur Durst!
Ich machte ihm die mittlerweile die 3. Pulle auf, weil das Leben ist Geben und Nehmen, scheiß doch auf Weihnachten, ich bin das ganze Jahr gut zu den Menschen! Aber was dann kam, war erschütternd. “Ich habe Urlaub gebucht und ich muss mein Tatoo bezahlen!” lallte er. Das Lallen kam wohl von der gefährlichen Unterzuckerung bei gleichzeitigem Bierkonsum.
“Man, sagte ich ihm, Du musst die Metapher dahinter erkennen, man will uns fertig machen!“, erklärte ich ihm. “Mich wollten die Tanten vom Arbeitsamt auch am Donnerstag fertig machen, ich stand schon an der Pforte, wo ich dann “Helau” und so scheiß hörte und mir der Pförtner Barfuss, nur in Unterhose und abgeschnittener Kravatte entgegen kam und um Rettung flehte. Da wusste ich, Wolfgang, schnell weg, die wollen dir nur an den kleinen Stürmer Wolfgang da unten! Und ich bin schnell nach Hause, das konnte doch nur ein Trick von der Anke vom Amt gewesen sein. Wer bestellt einen Arbeitslosen zu “Altweiber fast nackt” ins Arbeitsamt? Das frage ich euch? Das schlimme ist, jetzt habe ich auch noch eine Abmahnung und mir kürzen die das Geld, weil ich mich von den Altweibern im Arbeitsamt nicht an die Wäsche fassen lassen wollte!” So ist der Staat. Stasi 2.0!
Da musste auch der rote Postbote wieder lachen. Wir haben uns noch ein paar Bier genommen. Er begriff jetzt auch die Metapher dahinter, man will uns fertig machen! Ob mit, kein Mindestlohn bezahlen oder sexuellem Missbrauch zu Altweiberfastnacht in der Agentur für Arbeit von arbeitslosen und aufrichtigen Männern, überall wollen dich fertig machen. Jetzt verstehe ich meine Mutter, warum die den Staat in den 68er und 70er so gehasst hat!
Ich habe dem Postboten noch versucht aufs Fahrrad zu steigen. Das ging nicht mehr. Entweder war ich zu doof oder er zu besoffen. Aber er bestand darauf, dass ich mal sein Fahrrad mal mit voll beladener Tasche einmal um den Häuserblock fahren soll. “320 Briefe und mehr! Jeden Tag, Werbungsscheiße, die jeder wegwirft, Hunde, die dir in den halbverfrorenen Hintern beißen, nach Scheiße stinkende Hausflure und menschliche Abgründe für nur 750 Euro im Monat und DU KANNST BIERTRINKEN schon am Vormittag, das finde ich geil, Wolfgang, ich will auch so sein wie du!” , worauf er mich küsste und umarmte. “Jetzt fahr du mal mit dem schweren Ding. Hol mal neues Bier, wir saufen uns jetzt einen!”, schrie er vor der Haustür. “Ich fahre doch kein Fahrrad, lieber mit Mofa, aber das ist im Arsch”, versuchte ich mich rauszureden und ahnte schlimmes, was der Grund ist warum ich lieber alleine saufe, das gibt weniger Ärger.
So fing das an. Ich bin mit dieser scheiß Karre von Potfahrrad noch nie gefahren. Diese schweren Taschen vorne, da eierst du rum, unglaublich. “Haben Sie was für mich?”, schrie mich so eine alte Oma an” und stand mitten im Weg auf dem Bürgersteig. Die dachte ich wäre der Postbote, nur ich wars nicht und ich wusste auch nicht, dass die Bremse im Arsch war und Rücktritt, wer denkt denn schon an Rücktritt nach 4 Bier???!!!!
Diese Scheißkarre hielt also voll auf die Oma. Zum Glück hatte die einen Gehgestell vor sich, genial, diese Seniorenfreihzeitroller. Das Ding hat ihr Leben gerettet, so wie die Chromstoßfänger an diesen bescheuterten Geländewagen. Also, ich auf die Oma zu, und es blieb mir nur noch, kontrolliert abzubremsen. Links die Wand, rechts roch ich noch so den nagelneuen Lack und dieser frische Geruch von neuen teuren Autos. Wieder dieser schwarze Porschegeländewagen! Wieder diese Ökotante beim Einparken. Also hielt ich mit dem Gepäckträger und den Posttaschen auf diesen nagelneuen Geländewagen um die Oma nicht frontal zu nehmen. Hätte ja auch meine Oma sein können oder ich in 40 Jahren. Gottseidank sah mich die Olle im Geländewage nicht, auch nicht die Riesenmacke in der linken Beifahrertür, die so groß war wie Garagentor. Klar aus der Innenkabine von so einem Geländewagen sieht man so wenig von seiner Umwelt wie von einem Leopardpanzer. “Huch, haben sie sich verletzt?”, fragte die Oma scheinheilig. 320 Briefe auf dem Bürgersteig. Die Tusse aus dem Geländewagen hat wieder nichts gesehen und gehört. Diesmal zum Glück. Ich hätte aber auch ausbluten können, das wäre der scheißegal.
Aus einer Post-Tasche, die jetzt am Boden lag, floß jetzt Bier raus, und Schaum, garnichts mehr war zu retten! Der Tag war gelaufen. Für den Postboten und Wolfgang.
Da gibts nur eins, warten auf morgen, denn morgen ist auch noch ein Tag!
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