Wolfgangs Vorgeschichte

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Auch Weintrinken am Morgen, das durfte ich nicht. Dabei waren überall Reste in den Flaschen. Das Weintrinken gelang mir nur einmal. Ich schaute auf die Baustelle gegenüber, wo eine Hochhaus gebaut wurde. Jetzt waren die schon so hoch wie mein Fenster und ich konnte den Arbeitern zuwinken, während ich aus einer fast vollen Weinflasche trank und an meinem Pipimann spielte. Dann haben alle zurück gewunken, auch auf der Straße. Das war lustig. Dann fuhr ich wieder Karussel. Und ich wusste, was Papa mit Fortschritt meinte. Dann musste ich immer an seinen Schraubenzieher denken, den er jetzt vor mir versteckt hatte. Jetzt einen Schraubenzieher haben! Dann wäre das Glück perfekt gewesen, dazu noch eine Frau wie Mama, aber dann im gelben Minikleid.

An dem Morgen ging ich betrunken zu dem Jungen nach unten, ich war ganz mutig an dem Tag, weil mir die Bauarbeiter gegenüber zugewunken haben, das war ein Zeichen, als wenn ich heute auch groß wäre. Also nahm ich Wein und Streichhölzer mit nach unten, um mit dem Jungen unten zu feiern. Wenn der schon nicht Ball spielen konnte, dann wenigstens Feiern. Der Feldwebel war ja in der Kaserne. Ich war ganz leicht und ich konnte mich am Treppengeländer festhalten, damit sich nicht alles so drehte. Das war
der Preis für das Großsein. Oma war beleidigt in der Küche zurückgeblieben. Peter, so hieß der Nachbarjunge, stand da wieder mit
dem Ball im Garten, den Ball umklammernd. Ich sagte, er bekäme die halbe Flasche Wein und die Streichhölzer, wenn ich mit dem Ball spielen dürfte. Es musste schnell gehen, weil ich sehr nötig musste, nach dem vielen Wein und das Karussell immer schneller wurde. So hatte ich das erste mal einen Ball in der Hand.

Ich ließ den Ball erst kullern und dann schoss ich drauf los. Der Ball gegen die Mülltonne, der Ball gegen die Wäsche vom Feldwebel, der Ball aufs Trümmergrundstück hinterm großen Zaun, wo keiner drauf durfte. Ich habe geschossen wie Gerd Müller, 4 Jahre später in Mexico, bei der WM. Ich rannte ganz stolz zu dem Jungen, der jetzt im Keller saß und die Streichhölzer ausprobierte. Es roch nicht mehr nach Oma dort. Nein irgendwie waren das jetzt die Streichhölzer. Die Flasche hatte er schon leer. Jetzt machte Peter ein Feuer, wie die Indianer, sagte er. Leider brannten die Kohlen nicht und wir nahmen die Putzlumpen, die auch schnell loderten. Mir wurde das zu unheimlich, weil ich wusste, wieviel Ärger das bei mir zuhause gäbe und ich mir vorstellte, der Feldwebel käme. Ich hörte nur sein Brüllen im Hausflur und ich rannte die Treppe hoch und es lief mir warm an meinen Beinen entlang. Ich lauschte im Treppenhaus aus sicherer Entfernung und hörte wie Peter eine "Wucht" bekam, so hieß das.

Erst dachte ich, der Feldwebel hat ihn erschossen. Aber ich habe keinen Schuss gehört. An dem Tag passierte so viel. Die Physiker sagen ja auch, Zeit sei relativ. Ich hörte nur ein Türknallen von meiner Mutter. Ich dachte erst, weil ich den Ball weg geschossen habe oder weil wir vor dem Feldwebel flüchten mussten. Dann zogen wir aber ohne Papa in eine Kommune, wo der Mann wohnte, der mit Mama geschrien hat. Das gehörte wohl zur neuen Zeit. Dort veränderte sich mein Leben vollkommen.

Trotzdem zogen wir wieder in ein altes Haus, was man längst hätte abreißen sollen. Außerdem rochen einige wie Oma, obwohl die viel jünger waren. Aber dort gab es keine Verbote mehr und keine Feldwebel! Da erlernte ich meine Lebensphilosophie des chinesischen Daodejing (Wu wei -- Tun ohne zu tun). Aber dazu später: Das WOLFGANG-PRINZIP - 5 Wege zum GLÜCK. Wolfgangs Zeit war wirklich gekommen. So schien es.

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